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Tagebuch zur Reise in den Westen 西游记

8/25/2003

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Letzten sommer wütete ein hochwasser in Europa. Alle, die hier waren, haben’s natürlich hautnah mitbekommen. Die natur gibt deutliche signale, dass der mensch, ein teil der natur selbst, sich nicht massvoll verhält. Treibhauseffekt, globale klimaerwärmung. Diesen sommer herrschten in Europa tropische temperaturen. Bei einem meiner ersten spaziergänge sah ich das erste mal den Biesenfeldbach, den ich vier jahre lang auf meinem weg zur volksschule entlang gegangen war, komplett ausgetrocknet. Eine szene die mich an die gerade bereiste wüste Taklamakan erinnerte, dich ich jedoch nicht mit Ö verbinden konnte. In unserem haus fliegen riesenbrummer, nachtfalter, von bisher in unseren breiten unbekannter grösse. Die vegetation erscheint mir nach zwei sommern abwesenheit etwas üppiger, subtropisch. Alles blüht, der oleander so wie ich ihn von kroatien- und slowenienurlauben kenne. Im Standard lese ich, dass gewisse insekten als indikatoren der klimaveränderung benutzt werden. So nistet manche spinne, die vor 50 jahren nur im mittelmeerraum heimisch war, nun auch in Norddeutschland. Vater regt sich seit jahren über die „steirischen spinnen“ auf, die von seiner letzten lebensgefährtin aus der Südsteiermark mit äpfeln oder kernölflaschen mitgeliefert wurden, und sich seitdem zu seinem leid - in linz, nördlich der alpen - prächtig vermehren. Gerade eben haben wir in der Zib1 gesehen, dass in Frankreich 10 000 menschen an der hitze dieses sommers gestorben sind. Traurige erkenntnis: die gesellschaftlichen strukturen zerfallen. Viele alte menschen starben vereinsamt und selbst nach aufrufen meldete sich niemand, um die bestattung vorzunehmen, weshalb die toten in armengraebern beigesetzt werden mussten. Der generationenkonflikt als schauplatz des auseinandertreibens der gesellschaft insgesamt.

Ich befinde mich derzeit selbst in einem ähnlichen miasma. der ewige generationenkonflikt, der mE immer aktueller wird, es aber natürlich schon immer war. Die gesellschaft droht zu bersten. Der westliche individualismus zerreibt die alten strukturen. Junge menschen wollen mit dem kopf durch die wand, wie es mein vater ausdrückt. Aber auch alte, so wie ich es sehe, wollen nicht wirklich einsehen, dass auch sie ihren teil zu einer ausgeglichenen verständigung beitragen müssen. Jeder schiebt jedem die schuld zu. Aber was soll ich denn tun, das beschäftigt mich eigentlich wirklich. Meine reise in den westen hat hier ein vorläufiges ende gefunden. Denn letztlich handelte es sich um eine reise auf der suche nach meiner identität. Und hier bei meinem vater liegen die wurzeln meiner identität begraben. Wurzeln derer ich mich immer schämte. Wurzeln, die mir so verrottet erschienen, dass ich mir sogar eine neue identität zulegte, und die alte verscharrte. Aber irgendwie hat mich dieser prozess nicht glücklich gemacht. Immer stärker hörte ich eine stimme, der ich mich zwar stets widersetze, die mich aber beständig hierher zurückrief.

Identität. Was ist identität? Während der fünf wochen in Xinjiang zerbrach ich mir ständig den kopf über die bedeutung dieses wortes, über seinen inhalt, dem die frage, wer bin ich zugrunde liegt. Ich fragte schliesslich meine Partnerin, was identität im Chinesischen heisst: shenfen 身份 antwortete sie, und fügte hinzu, shenfenzheng, bendan 身份证, 笨蛋! - Identitätsausweis, dummes ei! (ein wort, dass dem visageplagten ausländer sehr geläufig ist, und das ich eigentlich hätte kennen sollen.)

Wie schon sooft brachten mir die piktographischen elemente der chinesischen sprache eine gewisse erleuchtung. die beiden schriftzeichen für shenfen möchte ich daher hier genauer unter die lupe nehmen. Shen 身 bedeutet nämlich für sich alleine genommen körper. Fen 分 bedeutet „teil, portion“; fen besteht aus zwei radikalen (teile chinesischer schriftzeichen), wobei das eine „mensch“ bedeutet, das andere die aussprache bestimmt und ebenso mit „teil“ übersetzt werden kann. Shenfen bedeutet somit wortwörtlich übersetzt soviel wie „teil des menschlichen körpers“ oder „körperteil“. Jedenfalls tritt in den chinesischen schriftzeichen die ureigentliche bedeutung, der wahre inhalt, des wortes identität zutage. Er liegt nicht soviel in unserer geistigen, mentalen existenz als im menschlichen körper selbst. Mein körper ist meine identiät, nicht das von meinem geiste aufgesetzte bild.

Da wurde mir schlagartig klar wie geisteskrankheit verstanden werden kann. So definiert man in der Psychiatrie den geisteszustand eines menschen folgendermassen. Man unterscheidet zwischen „geistig normal“, die erste stufe von geisteskrankheit wird „neurotische störung“ oder „neurose“ bezeichnet, schwerere fälle werden „schizoid“ diagnostiziert, der geisteszustand, der geistig normal diametral gegenübersteht heisst „schizophren“. Vollkommen geistig abnormal bedeutet demnach vom körper abgetrennt, nicht mehr mit dem körper eins sein. Der patient hat in seiner vorstellung eine persönlichkeit entwickelt, die nicht mehr ident ist mit seiner physischen existenz. Er glaubt zB Napoleon zu sein, wobei dies logischerweise nicht möglich sein kann, da Napoleon eine menschliche materie war, die vor mehr als zwei jahrhunderten existierte. Der geistig gestörte hat seine identität verloren, er hat den bezug zu seinem körper verloren. Identität ist körperbewusstsein. Identität bedeutet, dass der körper mit dem geist, bzw der geist mit dem körper ident zu sein hat. In diesem sinne verstehe ich nun auch Spinozas radikale auffassung, es wäre jegliche abweichung von der „menschlichen natur“ als pathologisch, als krankhaft anzusehen. Auch für Spinoza, den begründer der modernen Psychologie, war identiät an den körper gebunden. Ein ansatz, der in unserer kopflastigen ära wohl schwer zu verstehen ist.

Drei jahre China hat es gebraucht, um mir meiner identität bewusst zu werden. Lange zeiten der isolation und das gefühl des andersseins, des nicht-dazugehörens. Ein gefühl, dass man in China sehr einfach erleben kann, in einem nationalstaat, der die nationszugehörigkeit schlicht dem aussehen unterstellt. Ja, und hier müsste ich nun erzählen über die erfahrungen und begegnungen meiner reise in den westen. Meiner reise in die provinz Xinjiang, im nordwesten Chinas. Und ich bereue hier, die letzten sonntage seit meinem mail aus Dunhuang nicht geschrieben zu haben. Ich war zu aufgewühlt. Danke jedenfalls für eure die netten rückmeldungen. Ihr gebt mir kraft in einer kritischen phase des übergangs. Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie wichtig es derzeit für mich ist, im schreiben ein ventil für die in mir angestauten emotionen und gedanken zu finden. Niemand scheint sich hier dafür zu interessieren. Ich bin verstummt.

Aber wie steht es denn mit Chinas identität? Kann ein nationalstaat eigentlich eine identität haben? Wie stehen die begriffe nation und identität miteinander in verbindung? Geschichte und zukunft in einem zeitalter des immer schnelleren wandels. Von den offizellen 1 komma 2 milliarden Chinesen sind nämlich offizell 90 millionen nicht der ethnischen gruppe Han zugehörig. Ich schreibe hier betont offiziell, da die demographischen daten der VR nicht klar nachvollziehbar sind. Manche sprechen von 1,5 milliarden, manche von 1,6. jedenfalls gibt es mittlerweile Chinesen auf der ganzen welt. In Österreich leben 40 000 Chinesen mit einem legalen visum, angeblich weitere 40 000 als u-boote. Die länder Südostasiens werden von einer chinesischen elite wirtschaftlich dominiert, in weltmetropolen wie Toronto, Sydney, NY, LA oder London ist Chinesisch längst zu einer wichtigen verkehrssprache geworden. Doch was man (oder zumindest ich vor meinem Chinaaufenthalt) schlechthin unter China versteht, diesem riesigen kontinent-staat auf der globalen landkarte, ist das China?

Als ich im Oktober 2000 meinen Zivildienst im Norden Chinas in der Provinz Heilongjiang antrat, da war China ein riesiges rotes land, von dem ich praktisch nichts wusste. In China leben 1,2 Milliarden Chinesen, so hatte ich gelesen, und weil jeder fünfte erdbewohner Chinese ist, so hatte ich mir gedacht, wäre es sicher keine dumme idee, in zeiten, in denen die welt immer internationaler bzw kleiner wird, Chinesisch zu lernen. Aber damit war meine weisheit auch schon zu ende.

In Heilongjiang, der „schwarzen drachen fluss“ provinz, die an Russland grenzt, lernte ich dann, dass das kommunistische China im eigenen land 56 ethnische gruppen anerkennt, also nicht jeder Chinese wirklich Chinese ist. Allerdings bekam ich von diesem ethnischen pluralismus reichlich wenig mit, weil die provinz zu, ich würde sagen, 99,9% von Han besiedelt ist. Und Han ist jene volksgruppe, die man –bei uns- schlechthin als Chinesen bezeichnet. Das war am anfang auch genug für mich. Ich konnte mich ohnehin mit niemandem verständigen und alle schauten gleich aus. Schwarze, glatte haare, gelbliche bis braune haut, im vergleich zu Europäern ein eher zierlicher körperbau.

Nun, im nachhinein betrachtet, ist die wichtigste erfahrung dieser zeit, für mich jene, anders zu sein. Ich war unter den unzähligen Chinesen einer der wenigen „Westler“ gewesen.  Qiqihar, die stadt, wo ich gemeinsam mit drei weiteren österreichern den Auslandszivildienst versehen musste, hatte 1,5 Millionen Einwohner, die fast alle Han waren, also schwarze, glatte haare, gelblich-brauner hauttyp, flache nase, hohe augen, ähnliche physiognomie sozusagen.

Neben uns dreien gab es noch eine handvoll russische studenten, eine handvoll südkoreanische studenten, und noch ein paar exoten, wie einen Finnen, der in einer molkerei Qiqihars arbeite. Aber alles zusammengenommen waren in Qiqihar nicht mehr als 50 „anders-aussehende“ unter 1 ½ millionen Han-Chinesen. Auf den strassen rief man uns ständig „laowai“ nach, was soviel wie „ausländer“ bedeutet. Kinder, aber auch erwachsene, zeigten mit fingern auf uns und lachten. ich erinnere mich auch an einige begegnungen mit kleinkindern bzw babies, die in restaurants oder in bussen am schoss ihrer mutter, mich lange zeit stumm mit gebanntem blick fixierten, weil sie offenbar noch nie einen derartigen mensch gesehen hatten. Manche begannen zu weinen, vielleicht weil ich furchterregend „anders“ wirkte oder einfach nicht bekannt, andere waren einfach am neuen interessiert. Jedenfalls fühlte sich dieses ständige darauf-aufmerksam-gemacht-werden, dass man anders ist, mit der zeit äusserst eigenartig an, und ich fühlte mich zusehends isoliert. Es drängten sich mir bilder und vergleiche auf, wie schwarzes schaf in einer herde weisser, weisse tulpe inmitten eines feldes roter rosen. Vielleicht nicht so blumig, aber irgendwie am treffensten war „die spinne unter ameisen“. Denn ich war damals ein nicht gerade umgänglicher zeitgenosse gewesen, der sich in den ameisenhügel Qiqihar verirrt hatte.

Abgesehen vom frostigen klima und der dortigen topographie – über beides müsste ich getrennt schreiben -  war dann auch die Han-monokultur Heilongjiang der grund, dass ich mich entschloss nach beendigung meines ZD nach Yunnan zu gehen. Yunnan war mir seit meiner ankunft in China als paradies dargestellt worden. Man erzählte mir, es herrsche der ewige frühling, die natur, berge, flüsse, seen, wäre traumhaft und es würden viele volksgruppen in Yunnan beheimatet sein.

Und so war es dann auch. Die eineinhalb jahre in Kunming waren ein wunderbare zeit. Die stadt bot mir alles, wonach ich mich gesehnt hatte. Sie war modern im zentrum, aber 10km ausserhalb war man grünster natur. Die temperaturen fielen nur wenige tage im jahr knapp unter den gefrierpunkt, aber auch im sommer war es aufgrunde der höhenlage nie zu heiss. Ich konnte mountainbiken, bergwandern, schwimmen, fast das ganze jahr lang. Die stadt hatte wunderbare parkanlagen, und wenn ich nur kurz raus wollte, dann lief ich einfach von meiner wohnung in der Kunming universität los und war innerhalb einer halben bis einer stunde auf 2500m und blickte auf die „weisse“ 4 millionen stadt hinunter, atmete die frische luft ein und war von der natur gestärkt, um wieder in die zivilisation einzutauchen.

Nur jetzt, nachdem meine zeit in Kunming vorbei ist, und ich wieder österreichischen boden unter den füssen habe, ist mir allerdings bewusst, was ich abgesehen von bergen und natur noch gesucht habe. Meine identität.

Es ist schon richtig, dass ich in Qiqihar eine kopfentscheidung getroffen hatte, indem ich nach Kunming gegangen war. Ich hatte gelesen, dass in Yunnan 26 !!! der 56 chinesischen volksgruppen leben. Ich hatte erwartet, dass diese vielfalt erstens interessanter als die Han-monokultur des nordens sein würde, und zweitens hatte ich erhofft, mich leichter in die gesellschaft integrieren zu können, nicht mehr spinne unter ameisen sein zu müssen, sondern vielleicht nur ein käfer unter vielen anderen.

Ich machte dann auch mit vielen volksgruppen bekanntschaft. Auf einer reise in den nordenwesten Yunnans lernte ich Tibeter in der umgebung von Zhongdian, Naxi im gebiet von Lijiang und Yi verstreut in der atemberaubenden bergwelt dazwischen kennen. Auf einer anderen reise in den nordenosten Yunnans verweilte ich für eine woche am Lugu-see bei den Mosu, einer der letzten matriachalisch organisierten gesellschaften auf der erde und erlebte das fackelfest der Yi in Ninglang. In Xishuangbanna sah ich Dai, Wa und Jinpo, und in Dali am Erhai-see die Bai volksgruppe. Nur 70km nördlich von Kunming besuchte ich ein Miao-dorf und feierte einen christlichen gottesdienst mit den einheimischen.

Während ich aber von all diesen volksgruppen nur oberflächliche eindrücke erhalten habe, von denen die meisten in meinem gedächtis bereits verblichen sind, und schnell bemerkte dass mich mit ihnen, genauso wie mit den Han nur die tatsache verbindet, derselben säugetiergattung homo sapiens anzugehören, bleiben tiefe spuren von jenen menschen, mit denen ich die reisen unternommen habe bzw mit denen ich in Kunming in ständigem kontakt war. Und ich erkenne jetzt, dass drei menschen stellvertretend für viele andere von besonderer bedeutung für meinen identitätsfindungsprozess während dieser zeit waren.

Erstens mein australischer freund Martin Dull, in dessen person ich einerseits die gemeinsamen kulturellen wurzeln der „alten westlichen welt“ Europa und der „neuen westlichen welt“ Australien besser verstehen lernte, aber andererseits auch nach und nach feststellen musste, dass kulturelle identität nicht nur in der vergangenheit, sondern vielmehr in der gegenwart zu finden ist. wenn sich die englischsprachige Kunming expats-gemeinschaft zB am abend traf, dann schwenkten die themen zu fortgeschrittener stunde immer in regionale ebenen. Da wurden witze gemacht, die ich nicht verstand, weil ich die menschen, um die es ging nicht kannte, da wurde über politik und kunst gesprochen, von der ich keine ahnung hatte und mit der mich nichts verband. Und so war ich auch in jenen gesellschaften immer ein aussenseiter, der zwar die englische sprache verstand, aber trotzdem nicht dazugehörte.

Zweitens ist mein holländischer freund Gus van den Kellen von hervorzuhebender bedeutung.  Ich lernte ihn kurz nach meiner ankunft in Kunming ebenso „gestrandet“ im cafe „Journey to the East“ kennenlernte und er wurde mein engster freund und wegbegeiter „südlich der wolken“. Durch ihn wurde ich mir meiner europäischen identität wieder bewusst. Denn im unterschied zu Matthew verband mich mit Gemme neben der vergangenheit auch die gegenwart in einem weit grösseren ausmass. Wir waren zwei „continentals“, festland-Europäer, mit ähnlicher geschichte und ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger, mit ähnlichen träumen und wünschen.

Und drittens der Südtiroler Andreas Wachtenberger, mit dem ich nach langem entzug wieder in meinem mir so entfremdeten dialekt reden durfte, und der mir so ans herz gewachsen ist, dass ich ihn im wahrsten sinne des wortes „Gege“, chinesisisch für „älterer bruder“, nenne. Der kontakt, die freundschaft zu Andi, machte mir erst so richtig klar, was der elementarste inhalt von identiät für einen homo sapiens ist; zumindest für mich: die sprache. endlich konnte ich mich wieder fallen lassen, und reden, wie mir der schnabel gewachsen war. Keine maske musste ich mehr aufsetzen, ich konnte einfach so dahin palabern, was mir gerade einfiel, ich verstand alles, was er von sich gab, und konnte alles ausdrücken, was ich gerade im sinn hatte. Am schönsten war es, den schmäh laufen zu lassen. Denn, erst, wenn man witze machen und verstehen kann, wenn ironie, sarkasmus und zynismus kein problem sind, erst dann beherrscht man eine sprache und fühlt sich vollkommen zu Hause. Und dieses zu Hause habe ich eben nur im Deutschen. Ich musste mich nicht mehr mit Mandarin kreuzweggleich plagen, und ich musste auch nicht mehr vorgeben, wie ein muttersprachler im englischen parlieren zu können. Alles Sprach-identitäten, die ich nur aufgesetzt hatte, weil ich zur eigenen nicht stehen konnte.

Was ist also identität, oder anders gefragt, wie entsteht identität? Sprachliche identität. Nationale identität. Sexuelle identität. Indiviuelle identität. Kollektive identität. Ist sie für uns nicht schlechthin etwas starres, unveränderliches? der Daoismus hat mir in China gelehrt, dass identität grundsätzlich etwas ständig in veränderung befindliches ist. so wie auch schon der „griechische daoist“ Heraklit gesagt hat, fliesst alles, und somit auch die identität. Sie kann nicht festgenagelt werden, und ein mensch kann nicht ein leben lang mit derselben identität herumziehen. Wir unterliegen einer ständigen veränderung, einer konstanten metamorphose.

Genau so eine metamorphose bemerkte ich auch auf der Seidenstrasse diesen sommer auf einer nationalen ebene. So war China für mich besonders nach meiner Zeit im Norden ein land gewesen, das zumindest auf der Landkarte in rotem glanzlack dargestellt wird. Ein einheitlicher kontinentgleicher, kommunistischer riese von land. Der kontakt mit den unzähligen ethnien entlang unserer route rieb diesen glanzlack auf und hinterlies vor meinem geistigen auge ein aquarell, das zwar vom osten her noch immer dick rot erscheint, aber nun vom westen einen gewaltigen anstrich islamischen grüns hat. Uighuren, Tatschiken, Kirgisen, Kasachen, alles Völker, an denen zwar das zeitalter des nationalstaates vorbeigegangen ist, aber die in ihrer gemeinsamen religion, dem Islam, in Sprache und Brauchtum ihre eigenständigkeit haben. dort im äussersten westen Chinas bemerkte ich auch plötzlich, dass China defacto ein nationales konstrukt ist wie die ehemalige Sowjetunion. Die ähnlichkeit ist verblüffend, denn manche volksgruppen, wie Kirigisen und Kasachen, waren bzw sind wirklich in beiden Ländern vorzufinden. Doch im unterschied zur Sowjetunion, die auseinanderbrach, so wie einst die österreichisch-ungarische vielvölker-monarchie, kratzte die politische führung der volksrepublik China die kurve, indem sie unter dem mantel des weiterhin herrschenden kommunismus die marktwirtschaft einführte. Auch wenn es noch immer fünfjahrespläne gibt, und im ökonomischen sinne sicherlich von keiner reinen marktwirtschaft gesprochen werden kann, so kann man genauso wenig von planwirtschaft sprechen. China liegt nun irgendwo zwischen diesen beiden systemen, und egal welcher volksgruppe die 1,3 milliarden „chinesen“ angehören, sie werden über kurz oder lang von diesem system aufgesogen und genauso wie in den westlichen industrieländern durch das farbbecken der „konsum-kultur“ gezogen. In städten wie Urumuqi erkennt man beinahe keinen unterschied mehr zwischen den urbanen Han und den urbanen Weiwuer (Uighuren). Sie kleiden sich gleich und sie gehen ähnlichen tätigkeiten nach. Was die volksgruppen in entlegenen gebieten abgesehen von der sprache voneinander unterscheidet, nämlich va die ess-kultur und die traditionellen handarbeitsfertigkeiten, wurden aufgegeben und durch konsum ersetzt. So verbringen moderne Uighuren ihre abende ebenso wie die Han vor dem fernsehgerät, anstatt wie früher beim weben von teppichen oder beim besticken von tüchern.

Genauso wie wir zumeist einen Mars riegel beim Billa kaufen anstatt selber einen guglhupf zu backen, oder Pizzamann anrufen anstatt selber in der küche zu stehen. Konsum statt schöpfung kennzeichnet die neuen post-nationalen vom markt geprägten identitäten.

Als ich mit meiner schwester vergangenen Feber von Kunming nach Dali reiste, da nächtigeten wir auf 2600m in einer kleinen hütte über dem Erhai-see, die von einem 60jährigen Iren gekauft worden war, und die er von zwei Han und einer Bai-frau bewirtschaften lies. Im gemeinschaftsraum der hütte ermöglichte eine riesige fensterfront einen wunderbaren ausblick auf den see, wo wir uns am abend vom aufstieg erholten und am nächsten morgen beim frühstück  einen wunderbaren sonnenaufgang erleben durften. In der mitte war ein holzofen eingeheizt, an dem wir uns aufwärmten. Und unter den büchern, die der hausherr in die regale gestellt hatte, fand ich eine uralte ausgabe – ich glaube vom ende des 19jh- einer englischen ethnologischen ezyklopädie. ich nahm alle fünf oder sechs bände aus den regalen und schleppte die mörderschinken an den tisch, an dem meine schwester saß. Dort blätterten wir und staunten über die colorierten bilder von afrikanischen stämmen mit speer und schild, über diese und jene asiatische volksgruppe in lendenschurz, über eskimos im pelz und was weiss ich für horden von irgendwelchen kleinen inselgruppen im südpazifik und auf neukaledonien. „Deutsche“ gab es nicht, sondern es wurden die volksgruppen der Sachsen, Bayern, Schwaben etc aufgezählt und in zünftigem gewand abgebildet. Im nachhinein war jedoch der interessanteste eintrag jener über Österreich. Die ezyklopädie sprach nämlich nicht von „Österreichern“, auch wurde nicht der typische „Österreicher“ beschrieben, sondern es wurden verschiedenste „bergstämme“ dargestellt, die alle ihre eigene tracht und eine besonderes brauchtum hatten.

Dieser kleine einblick in dieses anschauliche werk zeigte mir, dass wir die heutigen „Österreicher“ auch nur die verschmelzung von verschiedenen kleinen volksgruppen sind, und auch in Österreich sowohl nationale wie auch individuelle identität einem ständigen wandel unterliegt. In gewissem sinne ist die entwicklung in Österreich bzw. Europa jener Chinas um etwa 50 Jahre voraus. Aber im grunde geht nichts anderes vor. wir wachsen schön langsam zu einem vereinten Europa, während die völker im gebiete Chinas – wenn auch unter anderen voraussetzungen – zu einem viel grösserem konglomerat mit eigener „transnationaler“ identität zusammenwachsen. Wachsen. Ja, wachsen, denn wir alle sind teile, wurzeln, sprosse triebe, äste, teile eines unglaublich grossen gewächses, das wächst und wächst, und in nicht allzu weiter ferne wird es nur mehr eine einzige „globation“ geben, und jeder einzelne muss sich seiner selbst immer bewusster werden, um nicht identitätslos dazustehen. Denn hinter den masken der nation oder einer tracht wird man sich nur mehr im fasching verstecken können. Selbst wenn markenprodukte und trendartikel neue fassaden bieten, so wird man dahinter keine ataraxia, keine innere ruhe finden.

Zumindest ich nicht. Identität beschäftigt mich – im hintergrund höre ich „Mei liabste Weis“ - und nur ein paar tage in Österreich, bemerke ich, dass ein gutes, altes sprichwortes mein konzept von identität am einfachsten veranschaulicht: der apfel fällt nicht weit vom stamm. Der stamm, der baum sind die vorfahren, an dessen zweige die früchte, die nachkommen, heranreifen, bis sie zu boden fallen. Wir können uns nie von unserer ab-stammung wirklich loseisen, wir müssen sie in unsere existenz intergrieren und akzeptieren. Die metamorphose der eigenen identität kann nur auf dem fundament der eigenen wurzeln voranschreiten. Und je besser und tiefer man diese kennt, umso schneller findet man den weg zu seinem wahren ich.  In dem us-amerikanischen streifen „My big, fat greek wedding“, indem es um eine junge frau geht, die den übergang von ihren konservativen griechischen wurzlen zu ihrer neuen griechisch-stämmigen, aber us-amerikanisch gewachsenen identiät nicht bewältigen kann, sagt ihr bruder „wir müssen wissen woher wir kommen, aber wir dürfen uns durch unsere herkunft nicht die zukunft verbauen lassen.“ Das wissen um das Woher soll die frage nach dem Wohin nicht erschweren, sondern erleichtern.

Ich erinnere mich an einen meiner ersten chinesischen texte aus den lehrbüchern, in dem die chinesische schriftstellerin 冰心 (Eis-Herz) sagt, dass nur jemand, der lange zeit im ausland gewesen ist, weiss, was es heisst, das vaterland zu lieben. Nun bin ich wieder in meinem vaterland, und es mag ein wenig schnulzig  klingen, aber das kapitel „reise in den westen“ ist für mich abgeschlossen und ein neues hat angefangen. spät, aber doch. Identität ist geheimnisvoll. Identität ist unerklärlich.

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Falun Gong als Herausforderung für Peking

5/14/2001

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Falun Gong als Herausforderung für Peking[1]

Aggressive Sekte oder eine normale religiöse Bewegung? Seit zwei Jahren kämpft die chinesische Regierung gegen die Falun-Gong-Bewegung. Peking brandmarkt die Bewegung als gefährliche Sekte und wirbt damit im Westen um Verständnis für sein Verhalten. Der Erfolg von Falun Gong dürfte jedoch vor allem darauf beruhen, dass die Bewegung an Altes anlehnt und moralische Werte pflegt.

Vor gut zwei Jahren, am 25. April 1999, gelang es mehr als zehntausend Falun-Gong-Anhängern, unbemerkt von Geheimpolizei und Sicherheitsorganen sich im Zentrum von Peking vor den Toren des Regierungskomplexes Zhongnanhai zu einer schweigenden Demonstration zu versammeln. Dieser friedliche Protest von meist älteren Frauen und Männern traf die Partei- und Regierungsspitze völlig unvorbereitet; die Führung war schockiert. Es dauerte drei Monate, bis die Einschätzung der Lage fürs Erste geklärt war und im Juli 1999 eine grosse Kampagne gegen Falun Gong begann, die in Dauer und Intensität seit dem Ende der Kulturrevolution einzigartig ist. Falun Gong, die in westlichen Medien zunächst als «Meditationsbewegung», im Verlauf der Entwicklung dann jedoch meist als «Sekte» bezeichnet wurde, stieg auf zum innenpolitischen Hauptfeind. Der gesamte staatliche Propagandaapparat wurde in Stellung gebracht, neue Gesetze wurden erlassen, Massenorganisationen mobilisiert und alle Mittel staatlicher Repression eingesetzt, um eine Bewegung zu unterdrücken, deren politische Ziele kaum zu erkennen sind.

Gesellschaftskritik

Westliche Medien berichten seit dieser Zeit mit erstaunlicher Regelmässigkeit über öffentliche Protestaktionen von Falun-Gong-Anhängern, die meist nach wenigen Sekunden von Sicherheitskräften gewaltsam beendet werden. Der riesige Platz am Tor des Himmlischen Friedens im Zentrum von Peking, dessen Symbolgehalt seit der gewaltsamen Niederschlagung der Studentenproteste am 4. Juni 1989 noch gesteigert ist, ist zu einem der bestbewachten Orte Chinas geworden. Trotz dem oft brutalen Zugriff bei Festnahmen, trotz hohen Gefängnisstrafen für zahlreiche Aktivisten und einer weit höheren Zahl von Inhaftierungen ohne Prozess in Arbeitslagern scheint die Widerstandskraft der Falun-Gong-Bewegung nicht zu erlahmen. In einer für China beispiellosen Form des zivilen Ungehorsams bekennen sich immer wieder Anhänger öffentlich zu dieser Bewegung. Verhaftung, Misshandlung, der Verlust des Arbeitsplatzes und soziale Stigmatisierung halten sie nicht ab, die Staatsmacht durch stille und bisher gewaltfreie Demonstrationen ihrer Präsenz herauszufordern.

Es ist schwierig, sich ein realistisches Bild von der Falun-Gong-Bewegung zu machen. Zu sehr sind die Informationen, die an die Öffentlichkeit gelangen, von Interessen gelenkt. Da ist auf der einen Seite die Propaganda der chinesischen Regierung, laut der Falun Gong eine gefährliche Sekte ist. Unter der Führung eines gewissenlosen Meisters, ihres Gründers Li Hongzhi, verbreite sie aberwitzige Lehren, kontrolliere die Gedanken, sammle illegal Gelder, organisiere geheime Gruppierungen und gefährde die Gesellschaft. Deshalb, so die chinesische Botschaft in Berlin, sei Falun Gong keine einfache illegale Organisation, sondern eine typische Sekte. Damit ist der Rahmen abgesteckt, in dem die westliche Öffentlichkeit die Bewegung einordnen soll. Was von einer «typischen Sekte» zu halten sei, scheint keines weiteren Kommentars zu bedürfen.

Auf der anderen Seite haben wir die Selbstdarstellung der Mitglieder. Für sie ist Falun Gong «eine Meditationspraxis für Körper und Geist, wobei der Praktizierende die höchsten Prinzipien von Falun Dafa - Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit, Nachsicht - und die fünf harmonischen, leicht zu erlernenden Übungen in sein alltägliches Leben integriert». So jedenfalls lesen wir auf der deutschsprachigen Website der Bewegung. Gefährliche Sekte und Gehirnwäsche stehen so gegen Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht. Propaganda und Gegenpropaganda zeichnen grundverschiedene Bilder; da es wenig neutrale Informationen gibt, scheint eine fundierte Urteilsbildung schwer, wenn nicht unmöglich.

Verschiedene Varianten von Qigong

Einige Fakten scheinen jedoch gesichert zu sein. Die Bewegung wurde 1992 vom damals etwa 41-jährigen Li Hongzhi gegründet. Der Name Falun ist ein ursprünglich buddhistischer Begriff. Er bezeichnet das Rad der Lehre, das von Buddha in Gang gesetzt wurde. Gong ist eine allgemeine Bezeichnung für Atem- und Meditationstechniken, zu denen auch traditionelle Kampftechniken gehören. Vor allem die gymnastikähnlichen Formen des Qigong, die gleichzeitig Konzentrations- und Meditationsübungen darstellen, sind in China weitverbreitet. In den Parks der Städte kann man im Morgengrauen Gruppen von meist älteren Frauen und Männern beobachten, die in tiefer Konzentration Qigong praktizieren. Die Übungen gelten als förderlich für die Gesundheit, und auch in der akademisch betriebenen traditionellen chinesischen Medizin wird Qigong zur Behandlung und Linderung bestimmter Krankheiten mit Erfolg eingesetzt. In dem seit Ende der achtziger Jahre bestehenden «QigongFieber» war Falun Gong nur eine unter zahllosen Techniken, die von verschiedenen mehr oder weniger berühmten Qigong-Meistern propagiert wurden. Einige dieser Meister hatten landesweite Netzwerke von Anhängern gebildet, Schulungszentren gegründet und neben Ruhm vermutlich auch ein gutes Auskommen gefunden. Li Hongzhi war einer dieser erfolgreichen und organisatorisch begabten Qigong-Meister. Seine Falun Gong wurde innerhalb weniger Jahre zu einer Millionen zählenden Bewegung. Eine vergleichbare Grösse scheinen nur wenige andere Qigong-Organisationen erreicht zu haben, wie etwa die 1988 von Zhang Hongbao gegründete Zhong Gong («China Gong»).

Die grosse Attraktivität der Qigong-Bewegungen hat viele Ursachen. Für die meisten Praktizierenden steht ohne Zweifel der Wunsch nach Förderung der Gesundheit und Heilung von Krankheiten im Vordergrund. Dass es auf diesem Gebiet gewisse Erfolge gibt, ist unbestreitbar. Ein weiterer Aspekt ist die enge Verbindung von Qigong mit traditionellen chinesischen Vorstellungen über den menschlichen Körper als ein Mikrokosmos, in dem verschiedene immaterielle Kräfte wirken, die zum harmonischen Ausgleich gebracht werden müssen. Die Praxis des Qigong beruht auf theoretischen Grundlagen, die tief in der traditionellen chinesischen Weltsicht verwurzelt sind und sich völlig von modernen naturwissenschaftlichen Auffassungen unterscheiden. In der heutigen chinesischen Gesellschaft, deren Lebensformen sich zumindest in den Städten mehr und mehr an westlichen Vorbildern orientiert, ist Qigong ein Restbestand genuin chinesischer Tradition und Lebensführung. Dies mag nicht unerheblich sein in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und der Suche nach kultureller Identität.

Kultivierung von Körper und Innenleben

Auch die von Li Hongzhi entwickelte Qigong- Methode scheint ihren Erfolg vor allem aus den gesundheitsfördernden Elementen bezogen zu haben. Li Hongzhi betont in seinen Reden und Schriften, dass er grundsätzlich niemanden heile und es auch den Falun-Gong-Anhängern verboten sei, Kranke zu heilen. Aber selbstverständlich sei die Besserung der Gesundheit einer der Nebeneffekte, die die Praktizierung von Falun Gong mit sich bringe. Zugleich grenzt er seine Methode von denen «gewöhnlicher» Qigong- Meister ab. Falun Gong umfasst mehr als nur eine Methode zur Förderung der Gesundheit, also eine «Kultivierung» des Körpers. Wichtiger als die Körperkultur ist die Kultivierung der «inneren Natur», das heisst des moralischen Bewusstseins und der Einsicht in die Einheit des Kosmos. Schon in den Anfangsjahren der Bewegung trat Li Hongzhi mit diesen Lehren an die Öffentlichkeit; es scheint, dass er damit auf ein Thema gestossen war, das ihm grossen Zulauf brachte. Erst diese besonderen Aspekte der Lehre machten Falun Gong zu einer Massenbewegung, die in der Lage war, die chinesische Regierung herauszufordern.

Die Lehre des Li Hongzhi ist in einer ganzen Reihe von Büchern, die zumeist auf Vorträgen basieren, allgemein zugänglich. Vieles ist ins Englische, manches auch ins Deutsche übersetzt und im Internet für jeden abrufbar. Die meisten Gedanken und Behauptungen, die in seinem Hauptwerk «Zhuan Falun» - «Das Dharmarad drehen» - nachzulesen sind, müssen westlichen Lesern abstrus erscheinen und sind nur vor dem Hintergrund einer chinesischen Sozialisation nachvollziehbar. Die Sprache ist voller buddhistischer, in geringerem Masse auch taoistischer Symbole, die bei Chinesen den Eindruck des Bekannten bewirken dürften. Im Zusammenhang ist diese Lehre aber weder buddhistisch noch taoistisch.

Li Hongzhis Kenntnisse dieser Religionen sind augenscheinlich begrenzt und basieren sicher nicht auf einem systematischen Studium. Allerdings dürfte er mit seinem oft oberflächlichen Verständnis traditioneller religiöser und philosophischer Begriffe sehr gut die Auffassungsmöglichkeiten seiner Hörer treffen. Fünfzig Jahre atheistischer Propaganda und die Verachtung traditioneller Bildung haben dazu geführt, dass fundierte Kenntnisse der religiösen und philosophischen Traditionen nur noch bei einer Minderheit zu finden sind. Übrig geblieben ist das, was innerhalb der Familie, in der Trivialliteratur und im Fernsehen über diese Traditionen vermittelt wird. Es sind gewissermassen freischwebende Elemente traditioneller chinesischer Kosmologie, Philosophie, Religion und Folklore, die jeder kennt. Sie werden zwar nicht in Schulen gelehrt, aber nach wie vor durch die Sozialisation alltäglicher Kommunikation vermittelt. Gerade deshalb besitzen sie ein hohes Mass an Plausibilität, bleiben aber diffus und unbestimmt. Li Hongzhi greift diese freischwebenden Elemente der Tradition auf und bindet sie in ein System ein, in dem alles zusammenzupassen scheint.

Wenngleich die Mehrzahl der Falun-Gong-Anhänger ältere Menschen mit vermutlich oft geringer Bildung sind, ist sicher, dass auch Akademiker, Ärzte, Wissenschafter, Offiziere und Parteikader zur Anhängerschaft zählen. Die meisten werden zwar eher aus Gründen der Gesundheit zu Falun Gong gekommen sein, aber die spezifische Dynamik der Bewegung beruhte ohne Zweifel auf der Lehre. Allerdings waren es wohl nicht in erster Linie die gerade erwähnten obskurantistischen Elemente, die ihr Überzeugungskraft verliehen, sondern ein anderer Aspekt. Li Hongzhi verkündet - wieder im Einklang mit traditionellen chinesischen Vorstellungen -, dass der Mensch Teil einer umfassenden Ordnung des Kosmos sei. Diese kosmische Ordnung lasse sich mit physikalischen Kategorien nicht hinlänglich erfassen, da sie auch eine spirituelle Dimension besitze. Der Kosmos sei zugleich eine moralische Ordnung, indem die grundlegenden Prinzipien Zhen, Shan und Ren (Wahrhaftigkeit, Güte und Duldsamkeit) überall Geltung besässen. Das Ziel der inneren Kultivierung sei die Entwicklung dieser Tugenden. Auf diese Weise könne die wahre innere Natur verwirklicht werden und wieder in Einklang mit der kosmischen Ordnung kommen.

Erklärung der Erfahrungswelt

Die Stärke dieser Lehre und ihre Überzeugungskraft scheinen nicht zuletzt darin zu bestehen, dass sie eine plausible Erklärung für die Erfahrungen liefert, die ihre Anhänger machen. Denn die Störung der moralischen Ordnung ist für Li Hongzhi nicht nur ein individuelles Problem, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft. Eine harmonische und geordnete Gesellschaft basiere auf der moralischen Ordnung des Kosmos, lehrt er. Genau hier liege jedoch die gegenwärtige chinesische Gesellschaft im Argen. Wo seien noch Selbstaufopferung und Güte, Wahrhaftigkeit und Rücksichtnahme zu finden? Heute regierten Selbstsucht, Rücksichtslosigkeit und Betrug. In den fünfziger und sechziger Jahren sei das noch ganz anders gewesen. Damit beschreibt Li Hongzhi eine Wahrnehmung der chinesischen Gesellschaft, die breite Zustimmung nicht nur bei seinen Anhängern findet. Die Modernisierungspolitik der letzten beiden Jahrzehnte hat zu gesellschaftlichen Fehlentwicklungen geführt, die auch von der Partei eingeräumt werden. Korruption, Betrug, rücksichtslose Bereicherung und moralische Orientierungslosigkeit sind weitverbreitete Erscheinungen, denen die Regierung in immer wieder neuen Kampagnen entgegenzutreten versucht. Insofern hat sie der impliziten Gesellschaftskritik von Falun Gong wenig entgegenzusetzen. Im Unterschied zu Falun Gong ist die Regierung allerdings für die von ihr bekämpften Missstände selbst verantwortlich.

Attraktivität der moralischen Dimension

Diese moralische Dimension der Falun-Gong- Lehre scheint Teil ihrer Attraktivität gewesen zu sein. Sie entspricht einem weitverbreiteten Lebensgefühl gerade älterer Menschen, die mit sozialistischen Werten gross geworden sind. Dass die beunruhigenden Fehlentwicklungen der Gegenwart Ausdruck und Folge eines allgemeinen moralischen Niedergangs seien, dürfte für viele eine einleuchtende Erklärung sein. Und auch die Lösung dieses Problems ist im Kontext traditionell chinesischer Vorstellungen plausibel: Der moralische Niedergang muss die Menschheit in den Untergang führen, sofern nicht eine grundlegende Änderung zum Besseren einsetzt. Jeder Einzelne ist gefordert, sein Verhalten zu ändern und an den kosmischen Prinzipien Wahrheit, Güte und Duldsamkeit zu orientieren. Die Kultivierung der eigenen moralischen Natur führt damit nicht nur zu innerer Harmonie und Freiheit, sondern ist zugleich ein Beitrag zur Rettung der Menschheit vor dem Untergang.

Bekennermut

Bis Anfang 1999 hatte Falun Gong mit dieser Kombination aus körperlicher und spiritueller Kultivierung nach eigenen Angaben in China eine Anhängerschaft von 70 Millionen gewonnen. Nach Meinung der chinesischen Regierung waren es nur 2 Millionen. Wir wissen nicht, wie viele davon nur eine Besserung ihrer Gesundheit erhofften. Aber wir wissen, dass viele zutiefst davon überzeugt waren und sind, eine gerechte und notwendige Sache zu vertreten. Dies erklärt den ungeheuren Bekennermut und die Bereitschaft, dafür schwerste Nachteile zu erdulden. Gerade die Fähigkeit, Unrecht zu erdulden, gilt im Rahmen der Lehre Li Hongzhis als Ausweis eines hohen Niveaus der inneren Kultivierung. Es scheint, dass ähnlich wie in bestimmten Epochen des Christentums das Martyrium deshalb als Akt der religiösen Bewährung gesehen wird. Ohne Zweifel haben viele, vielleicht die meisten Falun- Gong-Anhänger unter dem Druck der Verfolgungen seit 1999 die Bewegung verlassen. Aber jene, die sich weiter dazu bekennen, scheinen von einem Glauben durchdrungen zu sein, der durch Gewaltanwendung schwer zu brechen sein wird.


[1] Von Hubert Seiwert: Der Autor befasst sich als Professor für Religionswissenschaft der Universität Leipzig seit längerem mit volksreligiösen Bewegungen.

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Fernsehen in China: ausschalten oder einwerfen

4/15/2001

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Fernsehen in China: ausschalten oder einwerfen

Propaganda ist die bewusste steuerung eines menschlichen kollektivs. Es dürfte ungefähr zwei jahre her sein, als ich an einem wochenendausflug der sozialistischen jugend linz ins mühlvierel (erinnere ich mich da richtig?) teilgenommen habe. Egal wo wir auch immer waren, jedenfalls schauten wir uns „wag the dog“ an, diesen gelungenen streifen mit robert de niro, und setzten uns mit dem thema indoktrinierung auseinander. Eine der diskussionsrunden stellte die aufgabe, eine definition des wortes propaganda zu finden, und ich gelangte zu „propaganda ist die bewusste steuerung eines menschlichen kollektivs“. Zugegebenermassen war ich ein wenig stolz auf diese prägnante formulierung, die mE alle notwendigen elemente des begriffs in sich trägt. Andere seminarteilnehmer fügten noch

Die identität dreier begriffe: werbung, propaganda und evangelium in irgend einer art und weise als weiteres merkmal den politischen inhalt hinzu. Und wenn man im fremdwörter-duden nachschlägt, dann haben die auch recht gehabt. Dort steht: propaganda ist 1.) die systematische verbreitung politischer, weltanschaulischer o. ä. ideen und meinungen mit massiven (publizistischen) mitteln, mit dem ziel, das allgemeine bewusstsein in bestimmter weise zu beeinflussen.

Unter 2.) steht allerdings: werbung, reklame (wirtschaft). Und da danke ich natürlich der duden-redaktion, denn darauf wollte ich ja hinaus. Es ist komplett wurscht, welches evangelium den leuten eingetrichtert werden soll, hauptsache, die message kommt an. Politiker nennen ihre werbung propaganda, unternehmer ihre propaganda werbung, und glaubensgemeinschaften, ach.... na wenigstens waren die katholiken (und die abtrünnigen) werbetechnisch gut drauf: oder hat schon jemand von euch einen werbespot gesehen, der „die gute botschaft“ titelt?

Einmal tief durchatmen und einen vergleich zur werbungs-evolution (auf die rezipienten abgestellt) an den haaren herbeiziehen. Religiöse inhalte-steinzeit, politische inhalte-mittelalter, kommerzielle inhalte-21.jahrhundert nach christus.

In die ferne sehen Die buschtrommel, der fürstliche herold, die printmedien, das radio, was wir nicht alles schon durchgemacht haben. doch erst mit dem fernsehen wurde die massen-bespeicherung so richtig möglich. Das radio hat zwar gute dienste als wegbereiter geleistet, allerdings ist der glaubwürdigkeits-effekt des bewegten bildes ein unerreichter (worin ich einen wettbewerbsnachteil des internets sehe): ich hab´s doch mit eigenen augen gesehen!

1927 wurde das erste mal in england ausgestrahlt, 1930 in den usa, und nach einem kleinen kriegsbedingten breakdown verbreitete sich das narrenkastl wie kaum ein anderer (neuzeitlich-technischer) gegenstand in der menschheitsgeschichte. In den späten 80er jahren hatten 98% aller nordamerikanischen, britischen, russischen und französischen haushalte ein fernsehgerät, 94% der italienischen und 93% der westdeutschen. In japan, der entwicklung in den sog. tigerstaaten vorausgreifend, bewirkte der 3C trend (car, cooler, color-tv) in den 70ern ebensolches.

China hingegen, das sich noch immer von den jahrzehntelangen kriegs- und anderen wirren erholt, hat die fernseh-flut erst später über sich ergehen lassen müssen. Mir liegen keine zahlen vor, aber ich kann euch (ich hab´s mit eigenen augen gesehen!) sagen, dass mittlerweile –also zumindest 10 jahre nach den westlichen ländern, wenn man die schwarzweiss-fernseh-generation, die hier so gut wie übersprungen wurde, nicht mit einrechnet) selbst in den grindigsten baracken eine glotze herumsteht. Da in den westlichen provinzen eh fast niemand wohnt, dh nur ein paar millionen im vergleich zu der milliarde in den ostprovinzen, kann man also heute von flächendeckung sprechen.

Staatliche qualität oder privater schrott Das zu den geräten. Wer aber bestimmt, was auf diesen läuft. für öschis ist das ein leidiges thema, sind sie doch durch das ORF-monopol sozusagen gezwungen worden, sich gedanken zu machen (oder auch nicht). Ich kann mich noch erinnern, als wir unsere satellitenschüssel bekommen haben, und ich vor 9uhr plötzlich nicht mehr in das testbild von ORF2 (das gefiel mir besser als das vom ORF1) starren musste. RTL, SAT1, PRO7 & co. kurzweilten mich ab 6uhr mit zeichentrickfilmen und nachdem ich mir mein leben sowieso immer lieber bis tief in die nacht auf den frequenzen reitend bereicherte, war die flucht zu den neuen privatsendern nach ORF-sendeschluss noch prägender.

1989 wurde in grossbritannien die sog. „Broadcasting Bill“ verabschiedet, der heftige auseinandersetzungen, das land entzweiend, vorausgegangen waren. Es sollte das staatliche sendemonopol des BBC aufgehoben werden, um den fernsehmarkt für private anbieter zu öffnen. Die gegner dieses gesetzes befürchteten niveauverlust, priesen die BBC-education programme in den himmel, sahen eine generation von game-show-verblödeten heranwachsen. Jetzt sind sie rinder-wahnsinnig - man kann nicht alles vorhersehen. Die befürworter wollten hauptsächlich eine  vielfältigere programmlandschaft, die den wünschen des konsumenten besser entspricht. Eigentlich wollten aber ein paar wife schädeln kohle machen. Und natürlich haben sich letztere durchgesetzt. Greed is good. Greed is right. Greed clarifies, cuts through and captures the essence of the evolutionary spirit…

Das gleiche spiel, das hin- und her zwischen pros und contras, wiederholte sich in vielen andern ländern. In deutschland mussten ARD, ZDF und der freistaatliche BAYERN federn lassen, in kakanien versucht sich der ORF mit vera und txo zu retten. Und, ja, die amis, die hätt ich beinahe vergessen, die hatten gegen ende der 80er bereits 1360 regionale und nationale fernsehstationen.

All den staatlichen sendern ist eines gemeinsam: sie kassieren oder kassierten von jedem haushalt eine art fernsehsteuer, die neben einem niveauvollen programm zumeist einen beamtenstaat im staat finanziert(e). Dies garantiert(e)! eine gewisse apparatstarrheit und bewahrte den fern-seher vor störenden werbeeinschaltungen. Wer zahlt schon gern für einen coitus interruptus?

monopolistische propaganda oder oligopolistische werbung Ein weiteres (for the greedy: ein scheinheiliges) argument für die aufhebung des sendemonopols war die zerstreuung von potentieller politischer einflussnahme. Die geschichte lehrt (sie versucht zumindest), dass sich herrschende mit den medien nicht zu gut verstehen sollten. Ja, eigentlich müsste in einem sich demokratisch bezeichnenden land eine gewaltenteilung zwischen exekutive, legislative, judikative UND kommunikative in der verfassung verankert sein. Aber über die mängel der demokratie will ich hier (pah...welch elender euphemismus...) nicht herziehen.

Anyway...die umwälzungen der europäischen fernsehwelt anfang der 90er hatten folgendes ergebnis: das monopol der staatlichen propaganda(-möglichkeit) wurde durch ein oligopol der privaten werbung ersetzt.

Oligopol, weil sich die teuren=guten werbezeiten sowieso nur ein paar konzerne (master food, daimlerchrysler, AOL, und wie sie alle heissen) leisten können. Propagandasendungen würde man auch nicht ausstrahlen, wenn alle objekte der indoktrination auf off geschaltet sind. 

Sieht man in gesellschaftlichen entwicklungen gewisse gesetzmässigkeiten, so sollten wir nun schlussfolgern, dass die oligopolistische werbung eine konsequenz, ein ausfluss eines kapitalistischen systems ist. Richtig, oder?

Weiters kann man anhand des auftauchens dieses phänomens den entwicklungstand der jeweiligen gesellschaft ablesen. Die amis waren wiedermal die ersten, gefolgt von den briten, den japanern, den kontinentaleuropäern, usw. usf. wie das halt immer bei solchen entwicklungen vor sich geht.

Propagandistische werbung in china - doppelt bedient China bildet natürlich einen ausnahmefall, ansonsten hätte alles zuvor geschriebene gar keinen sinn (so hat es auch reichlich wenig). Differenziert man medien nach den kategorien staatlich und privat und nimmt man die qualität der sendungen und die kontrolle über den informationsfluss als unterscheidungsfaktoren, dann gelangt man zu folgendem, simplen bild:

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Dies lässt sich jedoch nicht auf china anwenden. CCTV, der cn BBC, verlangt von den fernsehgerätbesitzern keine grundgebühr, muss sich also selbst finanzieren. Landesweit werden CCTV1 und CCTV2 und die regionalen sender, die zentral, dh von der partei, zugelassen werden müssen, empfangen. Ich bring mit der zimmerantenne neben CCTV1 und CCTV2 heilongjiangTV, den provinz-sender, und qiqihaerTV, den stadtsender, rein. Die meisten anderen sender sind pay-TV. Es passiert zwar nur selten, dass ich meine kiste anmache (so breit bin ich selten), aber sollte dem so sein oder ich in einem barackenbeisl bei laufendem fernseher essen, so stosse ich entweder auf die CCTV nachrichten oder auf china-soaps (wirklich schnulzige serien, die entweder im shanghai der 30er jahre oder in der ming-dynasty (1368-1644) spielen), die ständig von elendslangen werbeblöcken unterbrochen werden.

Anfangs dachte ich noch die cn seien hypochonder, weil sich 90% der werbespots für medikamente ins zeug legen, aber bald erkannte ich, dass der gewaltige konkurrenzdruck unter den viel zu vielen menschen eine enorme bereitschaft zum pillenschlucken hervorgerufen hat. So sieht man werbeeinschaltungen, in denen das gehirn eines etwa 10 jährigen jungen nach der einnahme von ??? expandiert oder sich gestresste berufstätige ?psychopharmaka? einwerfen und danach glücklich in ihren legebatterien weiterhackeln.

Pharmakonzerne gehören in china sicherlich zu den gewinnern. Der durchschnittliche chinese, und der sieht gemessen an den aussagen meiner studenten viel fern, ist ein verlierer. Er kann nur zwischen propaganda und werbung wählen. Ich habe auf längere sicht zwei rezepte: ausschalten oder einwerfen.

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Das Private Totenfest einer Nation

4/1/2001

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Meine studenten haben mich ein wenig erleichtert; ich bin offensichtlich einer veränderten großwetterlage zum opfer gefallen und habe derzeit nicht alleine mit kopfschmerzen und übler laune zu kämpfen. Sie meinten, dass sich der frühlingsbeginn jedes jahr auf diese weise bemerkbar machen würde. Wetterfühligkeit, tsts... und das in dieser hochtechnologisierten zeit.

Vielleicht war auch meine restliche wahrnehmung auf sensibel eingestellt, denn nach ende meines unterrichts bemerkte ich, dass sich alle tummelten, in die mensa zu kommen, und schnappte „shíèr diǎn bàn zài jiàoshì!“ auf. Da wollte ich natürlich wissen, woher die ungewöhnliche aufregung rührte und erfuhr von ein paar nachzüglern, dass sich alle um 12uhr 30 im klassenzimmer treffen würden, um gemeinsam den „heros“ zu gedenken. Die heros stellten sich mir nach unermüdlichem nachbohren als cn. gefechtsverluste des zweiten weltkrieges dar. Die übersetzung verzerrt wie immer ein bisschen.

Kurz überlegt schloß ich mich der klasse 专2 an und saß wenig später mit 25 bei jeder strassenunebenheit (und derer gibt es hier viele) kreischenden mädeln und einem burschen in der kleinbuslinie 2. das weibsvolk war einheitlich in blaugelbe sportanzugjacken gekleidet (auf den kleidungsstil sollte ich weiter unten noch einmal zu sprechen kommen), während der der einzig männliche klassenkollege im grauen anzug neben der bustür platz genommen hatte. Er ist monitor; so betitelt man ihn hier. Monitor passt auch besser, denn die befugnisse dieser personen übersteigen diejenigen unsriger sog. Klassensprecher bei weitem. Abgesehen davon gibt es in westlichen ländern an der uni keine klassensprecher, oder? Die frauenquote wird auch nicht eingehalten, man stelle sich das nur vor! So ungerecht! Obwohl 90 prozent der sprachstudenten weiblich sind, haben mehr als 90 prozent der monitore keine hormonprobleme. Ja, ich bin auch ein alter sexist.

Ich verlaufe mich wie immer in anderweitige themen... also wie ich in diesem bus sitze und durchgerüttelt werde, mir  allerdings nicht sicher bin, ob nicht die akustische penetration durch die frauenkehlen irritierender ist, starre ich wieder einmal in mein narrenkastl und frage mich, ob es nicht doch besser gewesen wäre, dem Falun Gong vortrag beizuwohnen. Irgendwas ist ja wirklich eigenartig- derzeit. Ich bin hier noch nie in der situation gewesen, mich zwischen zwei veranstaltungen entscheiden zu müssen. Nachdem nämlich der männliche! monitor das gegackere seiner weiblichen untergebenen eindämmt hatte, um das procedere für den ausflug zu erklären, fragte er im anschluß daran nach acht freiwilligen, die sich als abgetrennte klasseneinheit einen vortrag zu diesem thema anhören müssen. Natürlich nicht als information über, sondern gegen Falun Gong werde ich aufgeklärt. Warum frage ich auch so blöd nach.

Entschieden ist entschieden. Ich sitze im bus und der fährt richtig weit, vorbei am bahnhof, den ihr vielleicht schon aus meinen letzten schilderungen kennt, also zuerst richtung osten, dann weit in den süden der stadt. Die gegend kommt mir bekannt vor, und ich erinnere mich, im november hier den buddhistischen tempel besucht zu haben. noch immer ein wenig im unklaren, was ich denn überhaupt besichtige, besser an welcher kollektivveranstaltung ich hier teilnehme, werden mir beim eintreten in ein parkartiges gelände die augen geöffnet. Weißgekalkte grabsteine soweit das auge (ich bin kurzsichtig) reicht, rote kommunistensterne an jeder ecke: ein soldatenfriedhof. Noch auf der daran vorbeiführenden strasse sehe ich drinnen eine uniformierte gruppe bei einem denkmal eine blumen-ablege-zeremonie einstudieren. Vier mann stakken die paar stufen zum schrein, ich meine kriegerdenkmal hoch und stellen dort jeweils zu zweit einen etwa ein meter hohen blumenkorb aus draht und buntem kreppapier ab. Der choreograph brüllt. Die nicht involvierten kollegen lachen. Nur kurz. Während wir die gräber abschreiten sagt mir eine studentin, dass morgen ein feiertag sei -Der 5.april also, das muß ich mir notieren- an dem ab sechs uhr morgens viele chinesen hierher kommen würden. Heute wären nur schüler und studenten hier. Auch gut. Wir kommen zur hinterseite des oben erwähnten dankmals und schauen den uniformierten zu. Ich will wissen, wann der offizielle akt denn stattfinde und freue mich, da ich nur bis 14uhr warten muß.
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Die anderen kolleginnen trudeln so nach und nach vor dem denkmal ein, schauen den einstudierenden ebenfalls zu. Ich setzte mich ab, unwiderstehlich von zwei monumenten angezogen, die beiderseits des denkmals prangen. Beide sind von gleichem ausmaß, etwa sechs meter lang, zwei meter breit und fünf meter hoch, in hellbeigen stein gehauen und sind nach vorne, richtung haupteingang des parkes gerichtet, also den eintretenden besuchern entgegen strebend. Das linke zeigt vorwärtsstürmende soldaten, die beinahe wie ein schiff ihren bug dem betrachter entgegensteuern und ihn (oder den imaginären nicht-cn. feind) mit ihren groben waffen unhaltbar im fahrwasser verschlingen. Das rechte sieht ganz ähnlich aus, allerdings fällt mein blick im gegensatz zum anderen gebilde nicht auf die waffen, sondern zuerst auf die augen der dargestellten personen. Stechende, für asiaten abnormal große augen stieren anstatt der waffen nach vorne. Der kollektiv gebannte blick in die zukunft? Wohin auch immer. beim zweiten monument sind die abgebildeten nicht solaten, sondern zivilisten der verschiedensten professionen. Ich sehe einen bauer, einen studenen, eine wirklich europäisch aussehende frau, die wie die französische Madeleine[1] über allen anderen, eine hand nach vorne gereckt, thront, und einige mehr. Alle haben für mein gefühl zu kräftige leiber; die muskulöse körperfülle strahlt etwas tierisches aus. Mensch, du bist hier gut getroffen!

Nachdem ich die beiden brocken mehrmals umrundet habe, kehre ich zu meiner klasse zurück, die inzwischen am platz zwischen meinen betrachtungsobjekten und vor dem denkmal in zweierreihe aufstellung genommen hat. Zwei weitere klassen haben sich, ihre gemeinschaftsflagge vor sich hochhaltend, hinzugesellt, mehrere weitere haben in einiger entfernung halt gemacht, ebenfalls ein banner vor sich spannend. Ich frage einen der monitore, warum diese studenten dort stehen bleiben würden, und er erläutert mir den ablauf des gedenken an die gefallenen helden chinas. Inzwischen treffen zwei busse der städtischen polizei ein, alle in die gleiche dunkelblaue uniform gekleidet, silberne, glänzende zahlen auf der brust tragend, mit nummer 030858 und 030563 konnte ich persönlich kontakt aufnehmen, auf dem hübschen sticker auf der rechten schulter lese ich jǐngchá, polizei. Natürlich im lateinischen pīnyīn[2] geschrieben, cn schriftzeichen sind bei den hütern des gesetzes, beim verlängerten arm des staates nicht mehr zu sehen. Nur so geht´s! Wenn man eine sprache abschaffen will, dann muß man bei den direkt untergeben anfangen, wo sonst, hm?  Also alle sehen aus wie die blumen-ablege-zeremonie-einheit. Aha, denke ich mir, die gehören zusammen. Es wird ernst für den Choreographen und seine truppe. Dieser weist die neu eingetroffenen ein und schreit: Yī! Èr! Sān! Sì! Begleitet von der übung wie man sein käpple in vier arbeitsgängen standesgemäß von der rübe entfernt und dann in weiteren vier schritten wieder draufpflanzt. In der letzten reihe erwische ich einen beim grinsen. Na, so was respektloses! Der rest renkt die brust raus, stillgestanden, rübe links, gradeaus und Yī! Èr! Sān! Sì! Gar nicht so schwer, nach drei durchgängen sitzt das programm im kurzzeitgedächtnis.
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Action! unerwartet schreitet der choreograph auf das podest vor dem denkmal und entpuppt sich als staffelkommandeur. Er brüllt seine kommandos ins mikro und beginnt eine rede zu schwingen, von der ich natürlich nichts mitbekomme. Sein cn erscheint mir jedoch nicht sehr flüssig.....immer diese arroganten ausländer! (selbstkritik steht in cn hoch im kurs.) lahmes geklatsche am ende. Die studenten schauen auch eher gelangweilt zu. Lóng xiào huá, arbeitseifrige financial monitorin, also gemeinschaftskassen-verwalterin, der klasse 2004, meint, ich sollte ebenfalls in der zweierreihe aufstellung beziehen, um den verstorbenen zu gedenken. Weitere studenten machen mir platz, doch ich lehne mit den worten „bei uns gedenkt man nur nahen verstorben familienmitgliedern oder guten freunden“ ab. Lóng xiào huá, die mir schon des öfteren mit bedenklich nationalistischen bemerkungen aufgefallen ist, drängt mich weiter und meint, mir dabei ernst ins gesicht blickend, sie glaube, man müsse verstorbenen helden ehre und respekt erweisen. „kollektives gedenken unbekannter ist mir ein kulturelles fremdgut“ erwidernd bekräftige ich meine absage, worauf sich Lóng xiào huá ein anderes betätigungsfeld sucht. Warum auch mit ausländern die zeit verschwenden, wenn im eigenen land soviel fruchtbare erde auf einen pflug wartet. Mittlerweile hat ein kleines in zivil gekleidetes männlein dem kommandeur folgend eine rede gehalten, der die kreppblumentopf-niederlegung folgt. Leicht an Titanic erinnernde hymnenartige musik erschalt von stereo-positionierten mono-lautsprechern. Leider nur kurz. hält mitten im nationalen gefühlsfluss an. Echt schleissig, denk ich mir, da könnte man viel mehr draus machen. Die menge so richtig aufpeitschen, zum rasen bringen...aber hier wird ja nur für den ernstfall geübt. Dafür entzücken mich die polizisten, die zum abschluss ihre Yī! Èr! Sān! Sì! Nummer abziehen und ihre rechte hand zur faust geformt an die rechte schläfe hebend in eine weiter hymne einstimmen. Ich frage die um mich stehenden studenten, was es mit dieser gestik auf sich habe. Es handle sich nur um einen weiteren gruß „wie den da!“ meint eine, mir den zeige-, mittel- und ringfinger zum dreizack geformt entgegenstreckend. Yǔ lì, der immerfreundliche physical education monitor der klasse 2003, lächelt schelmisch und raunt sich bekreuzigend „the communistic...“. Ohne zweifel war das der höhepunkt meines tages, wenn nicht sogar meines bisherigen cn aufenthaltes.

Weiße kreppapier-ansteckblumen werden verteilt. Ich steck mir auch eine an. Besser unerkannt mitschwimmen. Und nachdem der stadtaufsichtstrupp in den bau nebenan, der einer leichenhalle ähnlich seiend ein kleines museum mit reliquienartigen gegenständen (decken, tagebücher, photos der freundinnen, schreibzeug, etc) der gefallenen und deren lichtbilder mit angeschlossener kurzbiographie beherbergt, abgezogen ist, übernehmen meine studis deren aufstellung, und -wer sonst?- Lóng xiào huá beginnt ihre rede vorzutragen. Ihre worte verstehe ich wiederum nicht, aber um ihre ergriffenheit zu spüren brauche ich den sinn nicht. Ich stehe ein wenig abseits und schaue ihnen zu, wie sie dastehen, alle in ihren sportjacken. Uniform für den staat, anzug für die wirtschaft, sportanzug für die studentenschaft. Nur die monitore, zumeist wie bereits erwähnt männlich, heben sich vom blau-gelben einheitston ab, irgeneine zivile kleidung tragend. Während dieses vorganges strömen durchs haupttor sicher an die 200 mittelschüler, ebenfalls in gleichartigen sportanzügen, auf den trainingshosen groß CHINA aufgedruckt, ebenfalls ein banner vor sich herlanzierend, und nehmen hinter den studis in zweierreihe aufstellung. hier kann ich einfügen, was mir zuvor zum ablauf gesagt wurde. Die polizisten haben begonnen, worauf jeweils eine größere gruppe das gleiche ritual mit rede, kreppblumentopf-niederlegung, abgehackter hymne und bedächtiger augen-zu-boden-gedenk-minute durchläuft. Um das ritual der einen gruppe nicht zu stören, wartet die nächste in geziehmtem abstand.

Die weissen ansteckblumen werden wieder eingesammelt und wir durchschreiten ebenfalls die gedenkhalle. Zügig, denn im steinbau ist es kalt. Draussen glaube ich heimfahren zu können, doch jetzt beginnt erst die offizielle grababschreitung, die noch ein schmankerl zu bieten hat: aus einem großen plastiksack werden erneut weisse kreppblumen ausgeteilt, deren drahtiger stiel, so wird mir beigebracht, um die zwischen den gräbern wachsenden sträucher zu wickeln ist. Auf diese weise verwandeln sich die fahlgrünen, mageren gewächse in kürze in blütentragende frühlingstriebe. Unzählige schüler und studenten schwärmen durch das gelände und lassen ihre botschaft des gedenkens, des respekts und der ehrerbietung wie löwenzahnsporen in der landschaft hängen.

Beinahe wirklich berührt, den kopf ob dieser die gefühle der menschen missbrauchenden inszenierung schüttelnd, fahre ich mit linie 2 wieder heim und schlage sofort nach. Welchem fest habe ich überhaupt beigewohnt? 清明节, Qīngmíngjié, das fest des hellen lichts, finde ich da heraus. Ein uralter, traditioneller cn feiertag, der entweder auf den 4. oder auf den 5.april fällt und nach dem cn mondkalender einer der 24 jahreseinteilungstage ist. Qīngmíngjié, das fest „helles licht“ oder „totenfest“, diente ürsprünglich dem gedenken der verstorbenen vorfahren. Sofern vorhanden, werden die gräber aufgesucht und dort gelbes papier verbrannt, welches geld symbloisierend den toten zugute kommen soll. Den toten frage ich mich, wo denn, im cn Hades? Es wird also doch an ein leben nach dem tod geglaubt? Und wirklich sehe ich am selben tag von einer essbaracke heimgehend kleine feuerstellen an jeder straßenecke flackern. Menschen knieend darübergebeugt, mit hölzern in der glut herumstochernd, dem durst der flamme mit frischem gelben papier erneute nahrung gebend. Und da soll noch einer sagen, die cn seine atheisten. Vonwegen.

Ich verliere mich in weitere gedanken...ich beginne die kommunistischen ideologen zu bewundern. Da müssen wirlich ein paar geniale köpfe am parteiprogramm, an der implementierung der kommunistischen doktrin in die gewachsene cn geschichte gearbeitet haben. ein ursprünglich privates, quasi-individuelles fest zum gedenken an den engsten familienkreis, also ähnlich dem ö allerheiligen und allerseelen, wurde, die konzeption nicht berührend, in ein fest zum gedenken an die gesamtheit der vorfahren des cn volkes umgewandelt. Es wurde die emotionale verbundenheit von de facto zutiefst religiösen menschen zu ihren verschiedenen leiblichen verwandten ausgenutzt, um eine verbundenheit mit der „größeren“ gemeinschaft, der nation, zu erzeugen. Ähnlich wie wenn man zwei bereits parallel geschalteten, einzelnen stromzellen noch einen haufen anderer hinzuhängen würde, um ein großes netzwerk von gleichgeschalteten energiereserven zu etablieren. Aber wozu diese zwanghafte akkumulierung von energie? Die muß doch irgendwann entladen werden. Ansonsten würde man ja nicht die ganze mühe auf sich nehmen. Aber dazu vielleicht ein anderes mal.

[1] Verrät diese in stein verewigte dame gar das wahre gesicht des cn. kommunismus? ein indiz für die inhaltliche übereinstimmung zwischen religiöser und politischer doktrin? Ein zermürbendes urteil für dieses volk: der kollektiven bewußtseinsentwicklung (gibt es so was?)Europas um mindestens 200 jahre hinterherhinkend.

[2] Pīnyīn heißt wörtlich übersetzt „laute zu silben verbinden“ und ist die mit lateinischen buchstaben verfasste lautschrift für cn. schriftzeichen. Sie wurde in den fünfziger jahren in cn eingeführt und sollte über kurz oder lang die schriftzeichen ersetzen. so wurden zb 1977 alle cn ortsnamen einheitlich ins Pīnyīn übertragen. Und obwohl man versucht überall zu vereinheitlichen, wird der transformationsprozess eher lang dauern. die gründe hiefür würden einen eigenen text füllen. Nur ein interessantes detail: das zentralistische bildungssystem hat es immerhin schon zustandegebracht, dass alle cn. zuerst Pīnyīn erlernen, und später darauf aufbauend die der aussprache entsprechenden schriftzeichen. Dies erklärt auch, warum studenten heutzutage englisch leichter erlernen als früher.
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study monitors und die kommunistische partei

11/14/2000

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klasse 004 sorgte für neue erkenntnisse: der organismus studenten-klasse ist an chinas universitäten straff organisiert und gliedert sich lückenlos in das fliessbandsystem dieser autortitären gesellschaft. Nach zweimaliger besprechung und ausführlicher erklärung meiner vorgaben bezüglich eines von jedem studenten zu absolvierenden referates über einen frei gewählten text hatten im verständnisbereich nach wie vor probleme von äusserster tragweite bestanden, welche ich allerdings heute, in der dritten dieses thema erläuternden doppelstunde beheben konnte. Zu diesen komplikationen gesellte sich ein weiterer, mir bis dato nicht bekannter, die kollaboration zwischen studiosi und didaskalos erschwerender, faktor, nämlich die durch die omnipräsente kommunistische partei generierte bureaukratie.

In meiner ersten stunde erkundigte ich mich in jeder meiner klassen nach dem namen des speakers, der hier monitor genannt wird. Die andersartige soziale struktur einer hiesigen klasse nicht ahnend hatte ich mich mit dieser information zufriedengegeben und schlicht die jeweiligen monitors in der namensliste vermerkt. Den monitor der klasse 004, Zhao Qiang – 赵强, ob seiner nachlässigkeit rügend wurde ich von studentin An Run darauf aufmerksam gemacht, dass das nichterstellen der geforderten liste ein versagen ihrerseits darstelle, und Zhao Qiang nicht verantwortlich gemacht werden könne. Warum, wollte ich natürlich wissen, hatte ich doch nur ihn mit dieser aufgabe beauftragt. Weil sie, An Run, study monitor und in dieser funkton für derartige arbeit zuständig sei.  Study monitor?, was das denn sei, wollt ich wissen und fügte sofort hinzu, dass Zhao Qiang seine Inkompetenz hätte mitteilen müssen und somit erst recht zu rügen sei. Der studying monitor sei auf studentenseite die ansprechperson für alle study affairs, welche die gesamte klasse betreffen. Ob es noch andere monitors gäbe, wollte ich wissen, und erfuhr von der existenz gar sechsen monitoren. Der mit bereits bekannte Zhao Qiang ist headmonitor (supervisor), in seiner funktion für alles irgendwie zuständig und befähigt, die noten seiner mitschüler zu beeinflussen. An Runs bekleidet das durchaus wichtige und in der klasse offensichtlich respektierte amt des study monitors, Long Xiaohua erklärte, financial affairs monitor zu sein, was ich gemäss den beschriebenen aufgaben als accountant bezeichnen möchte. Zhang Qing hält die position des organizing monitors inne, zuständig für die organisierung von festen, veranstaltungen und dergleichen; Jiang Tao ist physical education monitor, und Bao Gawa (für han-chinesen unüblicher name, da mongolischer rasse; auch physiognomisch auffällig) wird league monitor bezeichnet. Letztere, welche ich für fünf wochen meines geschlechtes angehörig wähnte, bildet das bindeglied zur kommunistischen partei, zhongguo gòngchandang, welcher ab dem 18 lebensjahr auf ansuchen beigetreten werden darf. Das ansuchen ist beim jeweiligen league monitor abzugeben, und trotz der fehlenden obligation zur abgabe eines solchen wird der grossteil der studenten während der vier jahre ihrer ausbildung zum parteimitglied. Bis zur erlangung dieses in der chinesischen gesellschaft oft hilfreichen status bereitet man sich in einer art novizentum in der gòngqingtuán, der Communistic Youth League, auf die anstehende würde vor, und noch bevor man in diese jugendorganisation hineinwächst, wird der noch beinahe bewusstlose Jungmensch im heranreifen von der shaoxianduì, dem team der jungen, geführt, welches er zumeist ab dem achten lebensjahr kennenlernt.

Die kohärenz der klassensysteme wird weiters durch ein kollektives subprogramm, welches mir mit social practice übersetzt wurde, gefördert. Zweimal monatlich marschiert die gesamte klasse, das banner des jeweiligen universitätsinstituts vor sich hertragend, zu einer einrichtung wie dem old people’s home oder dem SOS children’s village, um dort in erfüllung der gesellschaftlichen pflichten die böden zu schrubben, die fenster zu putzen oder den waisen etwas Englisch beizubringen. Bei der organisation dieser althruistischen akte ist neben dem headmonitor, dem league monitor und dem organizing monitor auch der phyical education monitor involviert, der seine kollegen, die im uniformartigen trainingsanzug ausrücken, an der spitze anführt und in spiess-manier die ordnung der einzelnen glieder bewahrt.

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die militärkapelle eines kommunistischen privatunternehmers

11/14/2000

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 das Mittagessen mit den lehrer-kollegen Li Sha und Zhongguo Lee führt uns vorerst nicht an den gedeckten tisch eines der vielen fandian – 饭店, sondern in den Xinhua shudian – 新华书店, der buchhandlung mit der umfangreichsten auswahl. Diese mit einigen schulpostern, die in den grundschulen verwendet werden, um den kindern die schriftzeichen beizubringen, ob nicht vorhandener attractiver literatur verlassend  erklimmen wir eine tianqiao – 天桥, wörtlich übersetzt himmelsbrücke, demnach eine fussgängerüberführung, um verwendungsgemäss auf die andere strassenseite zu gelangen. Die plattform der tianqiao gestaltet sich als beinahe unpassierbares nadelöhr, da sie von strassenhändlern und bettlern belagert wird, die einen ihre mit waren bedeckten kotzen ausbreitend, die anderen ihre derben hände nach almosen ausstreckend. Sich an den aufforderungen und zurufen zum, durch die nachdrängenden massen unüberlegten, konsum vorbeischlänglend, sich den armen der mittellosen entwindend und den groben körpern der rücksichtlosen ausweichend erreichen wir den abgang  auf der anderen seite der strasse, als ich von marschmusik durchdrungen am geländer der abwärtsführenden stiege hängen bleibe. Unter mir zieht eine circa 50 personen zählende militärkapelle ihre bahn, öffnet sich ihren weg durch ihre rudelerscheinung und der für domestizierte menschen üblichen lautabgabe. Von dieser gebrechlich wirkend akustischen aufführung nicht angetan richtet sich mein augenmerk unverzüglich auf  details des gruppenerscheinungsbildes. Denn in reih und glied marschieren mann und weib nebeneinander, durch die grüne, an hosennaht, brust und schulter gelb markierte, uniform beinahe ununterscheidbar gemacht, das haupt durch eine in dengleichen farben ausgestaltete kappe bedeckt, und die brust durch eine breite, rote, mit gelben schriftzeichen versehenen, schärpe geziert. Ob heute ein feiertag sei, frage ich meine chinesische begleiterin, nein, diese leute würden nur werbung für eine firma machen, erwidert diese, ob man denn ganze militäreinheiten zu werbezwecken mieten könne, frage ich weiter und erfahre bereits köstlich amüsiert, dass es sich nicht um militärs, sondern um die firmeneigene belegschaft handle.  Ja warum die angestellten nicht ihre eigene kleidung tragen dürften, will ich weiter, mich kurzzeitig an den früchten des kommunismus erfreuend, wissen. Weil sie immer diese kleidung tragen würden, entgegnet meine begleiterin sichtlich irritiert. I give her a smile: “I .. think .. it .. looks .. much .. nicer .. that .. way, I .. really .. like .. it”. And we stroll on.

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First Time Setting Foot on Chinese Turf

10/2/2000

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The first impressions after a 10 hours flight from London to Beijing are multiples. I am already bothered and affected by the disastrous environmental situation-I feel like being back to ciudad de Mexico; Beijing is under a huge smog bell, and though not everybody can afford a car, there are so many, that it was almost impossible to go to the centre, close to Tiananmen place, where we stayed in a neat hotel.

We were welcomed at the airport by Mr. Guo Fengzhu, who is the director of the bureau for international affairs at Qiqihar University, who, what we found out later, was all the time our communication partner, signing and speaking for Mr. Chang, the university’s president. Mr. Guo arranged a bus from the Qiqihar Municipality representation bureau in Beijing, taking us from the airport to the entrance of our hotel. The express highway leading from the airport to the centre was marked on both sides by enormous commercial advertisements in an exaggerating American style both in Chinese and English. Coming towards the centre the bilingualism got more and more lost. As we were the slowest on the road everybody was overtaking, offering me a first insight to the Chinese car market: let’s mention 60% Volkswagen dominance, though the Chinese don’t drive our newest models (Santana 2000 doesn’t sound that bad!). Concerning the commercials, I don’t want to forget that the world’s most famous Austrian smiled from every corner and every wall with a thumb’s up DVD-player or any electronic device. You can have a guess, who I’m talking about.

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